23 Feb
23Feb

Ich will nicht, dass sich etwas ändert! Ich will das nicht loslassen! 

Wer kennt diese Gedanken nicht? 

Ich kenne sie gut. Wie oft habe ich mich in meinem Leben schon darauf einstellen müssen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Eine Beziehung, die mehr Energie brauchte als sie gab. Ein Job, der langweilig geworden war. Ein Bild von mir, das mich einengte. Auch wenn es noch so ermüdend war, ein Teil von mir wollte nicht loslassen. Ein Teil von mir wollte das Alte nicht sterben lassen. Und dennoch war früher oder später klar, dass ich es gehen lassen musste, wenn ich weiterkommen wollte und – vor allem – wenn ich gesund bleiben wollte. 

Keine weitere Lebensenergie einsetzen

Ich schreibe ganz bewusst gehen lassen muss, weil von Wollen damals keine Spur war. Lieber wollte ein Teil von mir das, was eigentlich schon tot war oder mindestens im Koma lag, weiter mit Lebensenergie füttern und nicht glauben, dass es vorbei war. 

Von aussen betrachtet traf ich viele einschneidende Entscheidungen, die mein Leben veränderten. Viele Menschen meinen, dass mir das leicht fiel. Tat es nicht. Aber ich habe eine Kraft in mir, die früher oder später (manchmal leider erst viel später…) sagt: So, Schluss, es geht so nicht weiter.

Ich habe gelernt, Dinge und auch Menschen in meinem Leben bewusst sterben zu lassen. 

Was ich sterben lassen musste

Dazu gehört immer eine klare Entscheidung. Ich liess immer wieder meine vertraute Umgebung sterben und zog an neue Orte – als Kind gegen meinen Willen, später auf eigenen Wunsch. Ich liess (im Einvernehmen mit meinem damaligen Ehemann) meine Ehe sterben. Ich liess die Idee, ich könnte irgendwann vielleicht doch noch Mutter werden, sterben. Ich liess die Identität als Journalistin und Fernsehfrau sterben. Ich liess die Grossmutter, die ich nie kannte, sterben. Ich liess meine vermeintlich unverbrüchliche mentale Gesundheit sterben. Beispiele gäbe es noch viele.

Wie ich das gemacht habe? Zuerst einmal irgendwie. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass es nicht reicht, den Blick nach vorne zu richten und beherzt von dem weg zu schreiten, das ich sterben lassen will oder muss. Ich entwickelte Rituale für diese Übergänge und ich lernte, das, was ich sterben liess, zu betrauern. 

Tabu-Thema Trauer

Es ist für mich nicht einfach mit der Trauer, denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Trauer kein Thema war, sie keinen Platz hatte. Das geht so weit, dass der Suizid meiner Grossmutter in den 1960er Jahren vom Tag ihrer Beerdigung an zum Tabu-Thema erklärt worden war. Eine explizite Abmachung war das nicht, aber eine unausgesprochene Erwartung an alle. Entsprechend suchte sich die Trauer ihren verschlungenen Weg durch die Generationen. Bei mir war sie lange Zeit verschüttet und hat sich nur in Form von Melancholie, leicht depressiven Verstimmungen oder in Form von Wut bemerkbar gemacht. 

Ich habe Verschiedenes ausprobiert, habe Workshops und Therapien besucht, Prozesse mit psychedelischen Substanzen gemacht – inzwischen kann ich trauern, wenn etwas zu Ende geht. Denn ich weiss, dass nur so die Leere entstehen kann, die das Neue braucht, um geboren zu werden. Ich habe erfahren, wie viel Kraft und Energie es mich kostet, wenn ich mich an etwas festklammere und es weder betrauern und noch gehen lassen kann. 

Das Thema Sterbenlassen begleitet mich auch in meiner Arbeit als Psychologin und Energiemedizinerin. Viele meiner Kundinnen und Kunden kommen zu mir, wenn sie feststecken, nicht weiterwissen, erschöpft sind. Nicht selten geht es für sie früher oder später darum, etwas sterben zu lassen. Das machen wir dann über energetische Klärungs- und Ablösungsarbeit oder wir kreieren gemeinsam ein Ritual, das die Kundin oder der Kunde später allein für sich macht oder ich für sie/ihn leite. Die Trauer ist oft zu Besuch in meiner Praxis. Es werden immer wieder Tränen geweint. Sie ebnen den Weg für die Trauer im Prozess des Sterbenlassens. 

Etwas sterben zu lassen braucht Mut

Heute weiss ich: Sterbenlassen und betrauern sind ein Geburtsprozess. Ein schöpferischer Akt. Einer, der viel Mut braucht. 

Deshalb habe ich zusammen mit meiner Freundin Lea Söhner auf Facebook die Gruppe Sterbenlassen eröffnet. Dort finden Menschen, die etwas sterben lassen müssen oder wollen, einen Ort zum Austausch. 

Magst du in unserer FB-Gruppe reinschauen?
Wir freuen uns auf dich.

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